Realität oder DokTale – Filmemacher auf Umwegen
10. Juni 2010 von admin
Realität oder DokTale
Das Programm des vom HAUS DES DOKUMENTARFILMS organisierten Branchentreffs bietet eine Vielzahl von spannenden Diskussionen zum aktuellen Stand des deutschsprachigen Dokumentarfilms. Die Liste der über 30 Referentinnen und Referenten kann nun eingesehen werden. Keynote-Sprecher Lutz Hachmeister wird sich gleich zu Beginn des Branchentreffs mit der zentralen Fragestellung beschäftigen: Sollte man nicht die bewährten Tugenden des Dokumentarfilms (zeigen was ist) mit den neuen Möglichkeiten der Verfilmung, Verpackung und Vermarktung so verbinden, dass der Kunst des Wirklichen (Lutz Hachmeister) neue Chancen in der digitalen Medienwelt erwachsen? Diese Frage wird aber das zentrale Thema der ganzen Veranstaltung sein – in der Hoffnung, nicht nur eine Antwort zu finden.Wir haben in den vergangenen Jahren einen Dokumentarfilmboom erlebt – und zwar einen echten, aber auch einen gefühlten. Ganz reale Erfolge erzielten auf nationaler Ebene zum Beispiel „Ein Sommermärchen“ und „Rhythm is it“. Doch auch im weltweiten Verleih entwickelten sich Dokumentarfilme wie „Fahrenheit9.11“ oder „Supersize me“ zu Publikumsmagneten. Viel Beachtung fanden zudem eine ganze Reihe von Filmen, die zwar keine Kassenschlager wurden, aber dennoch als nachhaltig erfolgreich zu bewerten sind – zum Beispiel „Darwins Nightmare“ oder „Let’s make money“.
Keine Frage: der Dokumentarfilm ist aus seinem Nischendasein herausgewachsen und er ist mittlerweile für eine größere Öffentlichkeit interessant geworden.
Der Preis, der für diese Erfolge auf allen Ebenen zu zahlen war, ist allerdings auch hoch. Immer seltener sind diese Titel im klassischen Sinn „echte“ Dokumentarfilme. Für den „gefühlten Boom“ wird gecastet und inszeniert, es wird auf Kinoeffekt geschnitten und natürlich wird digital nachbearbeitet, was das Zeug hält. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, sind auch die Themen vorhersehbar: Skandale, Tiere und Sensationen.
Klaus Wildenhahns „Die Liebe zum Land“ würde wohl auch heute nicht boomen, aber auch die Koepps, Hübners und Reidemeisters, ja selbst die Veiels und Hachmeisters spüren wie eh und je kaum etwas von diesem Erfolg. Bestenfalls ist die Position der Dokumentarfilmredakteure in den öffentlich-rechtlichen Sendern durch den „gefühlten“ Boom etwas gestärkt worden; das wirkt sich schon auf die ganze Branche aus.
Was also ist heute noch dokumentarisch am Dokumentarfilm? Gibt es überhaupt noch eine „dokumentarische Haltung“ (Chr.Hübner, 1983), gibt es auf (film-)handwerklicher Ebene den dokumentarischen Dreh und Schnitt? Oder sind nicht bereits zu viele Tugenden, Haltungen und Fertigkeiten des klassischen Dokumentarfilms auf dem Altar des mainstreamigen Medienmarkts geopfert worden?
Dieser Diskurs steht im Mittelpunkt von DOKVILLE 2010. Der Branchentreff Dokumentarfilm findet am 17. und 18. Juni im Kulturzentrum Ludwigsburg (bei Stuttgart) statt.